April 2011 | Wie eine zweite Familie

Manches lernt man erst dann besonders zu schätzen, wenn's vorbei ist. Lea Arbogast, 13, erinnert sich an ihre Tollhaus-Zeit:

Was sind Deine ersten Erinnerungen ans Tollhaus?

Schwierig. Da bereits meine sieben Jahre ältere Schwester Tollhaus-Kind war - meine Eltern gehören zu Gründungs-Garde - bin ich schon als ganz kleines Baby durch die Räume gerobbt. Daher gab es für mich nie dieses „aha, das ist jetzt also das Tollhaus"-Erlebnis.
Die ersten konkreten Erinnerungen sind eher flüchtig. Die Puppenecke in der kleinen Gruppe, ein Dauerbrenner. Das Basteln von Osterkörbchen, die man dann nach mühsamer Suche mit Inhalt im Wald wieder gefunden hat. Ich erinnere mich überhaupt gern an den Wald, immerhin hab ich da über acht Jahre lang jede Woche viele Stunden verbracht. Manchmal, wenn ich jetzt beim Bärenschlössle bin, sehe ich die Lichtung und den Baum. Das weckt schlagartig Erinnerungen. Wir sind bei jedem Wetter raus. Wir sind geklettert, haben Hütten gebaut, Hölzer gesammelt, Regenwürmer beobachtet. Und dann ging's mit dem Bus zurück. Meist kam uns schon auf dem letzten Stück Weg zum Tollhaus leckerer Essengeruch entgegen. Die Eltern haben sich immer voll Mühe gemacht mit dem Kochen, sogar der Salat hat meistens geschmeckt. Ich sehe das noch, als sei es gestern gewesen: Schuhe aus, Matschhosen aus, ab ins Bad zum Händewaschen. Wie wir uns dann vor dem Mittagessen die Hände gegeben und „Piep piep Mäuschen" gesagt haben. Auch, dass wir mit Messer und Gabel essen mussten - aber ich glaub, das war erst in der großen Gruppe...

War das denn ungewöhnlich für dich, mit Besteck zu essen?

Tollhaus-Erzieher achten ziemlich stark auf gutes Benehmen. Daheim war auch nur die Gabel okay. Daheim mussten wir auch nicht fragen, ob wir aufstehen dürfen, wenn wir mit dem Essen fertig waren. Man hat halt einfach den Teller weggeräumt und ist gegangen. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich die Tollhaus-Regeln dann irgendwie auch daheim an. Ich glaub, meine Eltern fanden das ganz gut.

War dir eigentlich schon früh klar, dass das Tollhaus anders ist als andere Kindergärten?

Nö. Für mich war das völlig normal: dass man da am liebsten jeden Tag bis zum Schluss bleiben will. Dass man mit den Eltern dauerdiskustieren muss: warum kommst du so früh? Auch dass ich mich mit Jungs genauso abgegeben hab wie mit Mädchen fand ich nicht weiter speziell. Erst, als ich in die Schule kam, hab ich gesehen: bei anderen ist das nicht so. Andere haben das auch gar nicht, so eine zweite Familie. Im Tollhaus kennt man ja alle Eltern gut, viele Tollhaus-Kindern übernachten schon früh bei ihren Freunden. Aufgefallen sind mir all die Besonderheiten so richtig, als ich später in den Schul-Hort gegangen bin. Der war nicht so gemütlich, eher eine Zweckeinrichtung. Und es war auch irgendwie klar, dass die Erzieher da einen Beruf ausüben. Die Tollhaus-Erzieher dagegen waren eine Mischung aus Eltern und Freunden. Mit denen haben wir ohne Ende rumgealbert, aber sie konnten auch richtig streng sein. Der Micha hat uns bei Ausflügen manchmal einfach irgendwo auf einen Fenstersims gesetzt, wenn wir nicht gehört haben. Da war klar: jetzt ist eine Grenze erreicht. Aber es war nett, wie er uns das gezeigt hat.

Wie war es für dich, als die Tollhaus-Zeit vorbei war?

Oh je, das war schlimm... ich hab geweint am letzten Tag. Meine ganzen Freunde kannte ich seit der Krabbelgruppe! Wir sind zusammen größer geworden, haben miteinander gezeltet, bei Hortfreizeiten bis nachts am Feuer gesessen, mal in einer alten Mühle, mal auf einer Burg übernachtet. Ich war im Team der Tollhaus-Fußballmannschaft, einmal haben wir bei einem Turnier den zweiten Platz gemacht. Ich weiß auch noch gut, wie das war, als nacheinander zwei Tollhaus-Väter gestorben sind. Da haben alle total zusammen gehalten, sich Trost gespendet. Später gab es Jahrestage und Erinnerungsfeste. Es ist schwer, eine so starke Gemeinschaft zurückzulassen. Bis heute packt's mich ab und zu und ich muss dem Tollhaus einfach einen Besuch abstatten...

Wie fühlt sich das an?

Man ist jederzeit willkommen, setzt sich beim Vesper dazu, die Erzieher wollen wissen, was man jetzt so macht. Das ist schön. Aber natürlich fühlt man, dass man nicht mehr so dazugehört wie früher. Dass es inzwischen eine neue Familie gibt. Ich möchte gern mal ein Praktikum im Tollhaus machen. Und meine eigenen Kinder würde ich später auf jeden Fall dort hin geben!

Was ist das Besondere an Tollhaus-Kindern?

Ich glaub, sie sind ziemlich selbstbewusst. Ich bin zum Beispiel von Natur aus eher schüchtern. Aber im Tollhaus hat man mich stets dazu ermuntert, den Mund aufzumachen. Irgendwann hat es damit dann auch außerhalb gut geklappt. Typisch fürs Tollhaus ist auch diese ganz spezielle, eigene Sprache. Wenn ich mich heute mit früheren Tollhaus-Freunden treffe, sind wir da gleich wieder drin. Sagen so Sachen wie „mit ohne Sauce" oder „ich habe mich verwechselt" statt „das hab ich verwechselt".