April 2013 | Nix da Basteltante!

Nur 2,9 Prozent der Erzieher sind männlich, im Krippenbereich sind es sogar nur ein Prozent. Das Tollhaus dagegen wartet mit einer satten Über-20%-Quote auf. Dies nahmen wir zum Anlass, uns mal mit den beiden Kollegen Christian und Friedo über ihren Job zu unterhalten.

Als Mann in der Kita zu arbeiten – wie kommt das an?

Christian (Horterzieher): Oft reagieren die Leute erstaunt: echt? Du? Das hätte ich gar nicht gedacht! Ich glaube aber nicht, dass das was mit mir zu tun hat, sondern mit dem Bild, das man von Erziehern hat.

Und was für ein Bild ist das?

Christian: Unser Job geht an der Lebenswelt der meisten Männer komplett vorbei. Sie können sich schlicht nicht vorstellen, was ich den Tag über so mache.

Friedo („kleine Gruppe“): Das Bild der Baseltante, die mit den Kindern brav am Tisch sitzt und irgendwelche Sternchen ausschneidet steckt tief in den Köpfen drin. Auch Kaffee trinken scheint für viele eine erzieherische Kernkompetenz... Bei mir persönlich kommt aber noch was anderes hinzu. Friedolin? So heißt mein Hamster, hör ich oft.
Oder: ich hatte mal ein Kuscheltier... Dass die Kombination Vorname plus frauentypischer Beruf gern auf die Formel „süß und soft“ gebracht wird stört mich aber nicht. Im Gegenteil. Ich bin stolz auf das, was ich tue! Diesen Moment, wenn beim Kennenlernen die Frage kommt: und was machst du? liebe ich! Ich bin Erzieher, sag ich dann. Nein, nicht Jugend- und Heimerzieher. Kindergärtner, ganz klassisch. Nein, nicht bei den 3 bis 6-jährigen, bei den ganz Kleinen. Ja, ich wechsle Windeln! Alles, was dazu beiträgt, das Bild, das die Leute von unserem Job haben, zu ändern, ist gut. Mag ja sein, dass das taffe Typen sind, die bei Porsche Autos zusammenbauen – aber kleine Menschen aufs Leben vorbereiten, das ist auch taff. Dass unsere Gesellschaft hier so drastisch unterscheidet und Letzteres angeblich keine wirkliche Leistung ist, das ist schon irgendwie traurig.

Christian: Wie gesagt: für mich entstehen die meisten Klischees über unseren Beruf schlicht aus Unwissenheit. Viele meiner Kumpels sind Selbständige. Oder Ingenieure. Wenn ich denen erzähle, was mich
erwartet, wenn ich in der Früh mein Postfach aufmache und Mails checke, wird klar, wie gewöhnungsbedürftig für viele ist, was für mich Alltag bedeutet. Lila ist krank. In der 3. Klasse gab’s wieder Läuse. Emilia sollte heute eine lange Unterhose anhaben, wenn’s rausgeht. Aha. Das ist also Dein Job, sagen die dann. Eher wertfrei, würde ich sagen. Aber doch irgendwie: ziemlich erstaunt.

Friedo: Ich denk mir dann: wenn die Porsche-Typen nur wüssten, was ihnen entgeht! Kinder lachen und toben und weinen zu sehen – das ist das Leben. Das gibt einem so viel!

Und das hast du geahnt und deshalb bist du Erzieher geworden?

Friedo: Vielleicht hab ich den Vorteil, dass ich nicht in klassischen Strukturen groß geworden bin. Ich bin in einer großen WG aufgewachsen, ohne Vater, meine Mutter hat als Puppenspielerin am Theater gearbeitet. Die Vorarbeit und Proben für die Stücke mitzubekommen, das hat mich geprägt. Denn da hat sich ja alles ums kindlichen Verständnis gedreht.
Als ich dann mit Sechzehn ein FSJ in einem Kindergarten gemacht hab, hab ich gleich gewusst: das passt. Nur einmal während der zwölf Jahre, die ich nun schon als Erzieher arbeite, gab es eine Phase, in der ich dachte, ich müsste jetzt auch mal so was richtig männer-mäßiges machen. Ich bin dann für zwölf Monate in einen Großbetrieb: Lagerarbeiten, Kisten packen, Hammer schwingen. Aber das Kopf und das Herz blieben auf der Strecke. Seitdem weiß ich umso mehr, was ich an meinem Beruf habe!

Erziehen Männer anders?

Friedo: Ich glaub, ich tobe mehr als meine Kolleginnen. Aber der Unterschied geht schon bei Kleinigkeiten los: meine Stimme ist lauter, ich hab körperlich mehr Kraft. Klar kommt ein Mann insgesamt anders
rüber. Ich finde: je weniger präsent die beruflich oft stark eingespannten Väter sind, desto wichtiger ist es, dass der männliche Part in der Kita vertreten ist. Wenn ein Kind in den ersten Jahren seines Lebens lernt, dass man Schutz und Trost eher bei Frauen sucht, dann bleibt das verankert. Auch bei mir erfahren die Kinder körperliche Nähe, auch ich tröste und nehme in den Arm. Für die Kinder im Tollhaus ist das völlig normal.

Christian: Dass Mädchen eine gleichgeschlechtliche Erzieherin und entsprechende Angebote brauchen, hat man früh erkannt. Die Mädchengruppe war lange fester Bestandteil der Jugendarbeit. Dass Jungs auch Männer brauchen spricht sich erst langsam rum. Wir haben Jungs im Hort, die sagen ganz klar: ich kann mit Frauen halt nicht so. Bei allem Gleichmachen, das eine Zeitlang vielleicht sogar wichtig war: natürlich gibt es Unterschiede! Jungs brauchen jemanden, mit dem sie sich messen können. Den Contest-Gedanken kann ich glaub ich ganz gut erfüllen.
Beispiel Fußball: ich will gewinnen, genau wie die Jungs – daneben stehen und alle gleichmäßig einbinden wollen und sich dann freuen, wenn alle so schön zusammenspielen, das ist nicht mein Ding. Unseren Job mit Leidenschaft zu machen bedeutet, eigene Stärken zu erkennen und einzusetzen. Klar bastele ich auch mal. Aber der Filz- oder Fingerspieltyp, das bin ich einfach nicht. Star Wars dagegen, dafür kann sich das Kind in mir begeistern. Zumindest kann ich ziemlich gut verstehen, was die Jungs daran cool finden.
Aber das eigentliche Argument für mehr Männer in der Kita geht noch weiter. Jungs brauchen Vorbilder. Ein Junge würde doch nie sagen: so wie diese Erzieherin, so will ich werden.

Politiker, Wohlfahrtsverbände und Fachleute sind sich einig: es müssen mehr Männer in die Kitas. Das Bundesfamilienministerium hat 2011 sogar ein gleichnamiges Modellprojekt gestartet...

Christian: Hochglanzwerbeaktionen mit schnuckeligen Männermodels, die man in eine Schar Kinder gesetzt und abgelichtet hat – davon halte ich nichts. Das gesellschaftliche Umdenken muss von innen raus kommen. Unser eigenes Selbstverständnis ist entscheidend. Wenn es jemand „süß“ findet, dass ich diesen Beruf mache, dann soll er es eben süß finden. Ich weiß, was ich an meinem Job habe. Ich muss keine Rolle spielen, setze keine Maske auf, kann mich als der Mensch einbringen, der ich bin. Und der beste Lohn der Welt ist, wenn von den Kindern so viel zurückkommt wie hier im Tollhaus.

Macht euch die gute Männer-Quote des Tollhaus eigentlich ein bisschen stolz?

Christian: Sagen wir mal so: wir sind damit Vorreiter. Und man kann anderen Einrichtungen nur wünschen, dass sich diesbezüglich was tut!