März 2014 | Da wohnt er, der Frederick

Wer in den vergangenen Wochen die kleine Gruppe des Tollhaus’ betrat fühlte sich zuweilen an die eigene Kindheit erinnert. Bei unseren Jüngsten nämlich war Frederick, die kleine Feldmaus aus dem gleichnamigen Kinderbuch-Klassiker von Leo Lionni*, sichtlich heimisch geworden.

„Da wohnt er“ – solche Kindermund-Infos kamen völlig selbstverständlich. In der Regel wurde dann  auf den Bereich vor dem großen Eckfenster gedeutet, wo auf einem Podest eine kleine Landschaft entstanden war. Nüsse, Hölzer und Maiskolben lagen auf grün bemaltem unterfüttertem Packpapier - Fredericks Wiese. Weiteres in Grau- und Brauntönen gehaltenes Papier bedeckte Fenster und Wände, „das ist die Steinmauer“, hieß es hier.

Nachdem Feldmaus Frederick bei so mancher Tollhaus-Familie auch daheim zuletzt ein bestimmendes Thema war, haben wir beschlossen mal „Mäuschen“ zu spielen und bei einer der Frederick-Aktionen im Tollhaus dabei zu sein...

Es ist ein Mittwoch Vormittag, kurz nach dem Frühstück. Im Kleine-Gruppe-Spielzimmer steht ein Tisch, zwei Hand voll Kinder toben aufgekratzt drumrum. Bis Erzieherin Elke diesen verschwörerischen Blick aufsetzt und sagt: „Wir kriegen gleich Besuch...“

Sie stellt eine Schüssel, einen Krug mit Wasser, einen Schneebesen und Kleisterpulver auf den Tisch. In Sekundenbruchteilen sitzt die Meute reihum auf den Stühlen.

Elke: „Wisst ihr, was wir jetzt machen?“

Alle: „Ja“.

Elke: „Wir machen Kleister. Wisst ihr, was das ist?“

Alle: „Ja.“

Enno: „Damit kann man ganz toll kleben.“

Phyllis: „Kann man das essen?“

Elke: „Schaut, wie ich das mache. Rühren, rühren, feste rühren.“

Phillis: „Das ist aber laut.“ (Mehrere Kinder halten sich die Ohren zu)

Elke: „Jetzt müssen wir den Kleister hochstellen, weil jetzt kommt gleich der...“

Alle (laut): „Frederick!“

Elke steht auf, im Raum ist es mucksmäuschenstill. Auf einmal kommt hinter dem Rücken der Erzieherin eine kleine selbstgebastelte Handpuppe hervor und piepst: „Guten Morgen!“. Alle strahlen.

„Wisst ihr was, Kinder? Ich hab heute wieder das tolle Buch mitgebracht.“ Elke blättert im Frederick-Buch zu der Stelle, wo es schneit. Es ist Winter, die Feldmäuse frieren und haben Hunger. „Oh je, der Kornspeicher ist schon ganz leer“, piepst Frederick. Und klettert zum Fenster, wo ein setzkastenartiges Gebilde aus Pappe steht. 

Hannes: „Da waren Körner drin.“

Elke: „Ja, richtig. Wisst ihr noch, die haben wir im Garten gesammelt?“

Erzieher Frido (erläuternd): „Wir hatten Dinkel, Weizen, Hafer und Gerste mit in den Tollgarten genommen und an verschiedenen Stellen kleine Häufchen gemacht. Jedes Kind hatte ein Tütchen dabei und zurück im Tollhaus konnten wir den Speicher mit unserer reicher Ernte befüllen.“

Frederick piepst verzweielt: „Die Körner sind aber jetzt alle weg.“

Plötzlich springen Henry und Emil, die jüngsten Kleine-Gruppe-Mitglieder, von den Stühlen auf, rennen zum Fenster und patschen mit den Handflächen gegen die Scheibe: „Tor! Tor! Tor!“

Elke: „Neulich haben wir aber noch was anderes für den Frederick vorbereitet. Wisst ihr, was?“

Alle: „Müllabfuhr! Schieß ein Tor!“

Jetzt ist kein Halten mehr, alle zehn Kinder müssen dringend am Fenster sein. So lange draußen der Müll geleert wird, gerät Feldmaus Frederick in Vergessenheit.
Elke nutzt die Gelegenheit, um drei große flächig bemalte Poster von der Wand abzuhängen. Als die Müllmänner (Frieder: „Hallo, Mann!“ Maaaahhaaaannn!“) außer Sichtweite sind fragt sie: „Schaut mal, was sind das für Farben?“

Die Kinder einigen sich auf blau, rot und gelb – und das ist richtig.

Elke: „Der Frederick friert. Wir müssen ihm helfen. Können wir ihm mit etwas Gelben helfen? Was ist gelb und warm?“

Maude: „Feuer!“

Elke: „Richtig. Und was noch?“

Phillis: „Die Sonne.“

Elke: „Wollen wir dem Frederick eine Sonne basteln?“

Die Kinder sind begeistert. Sie dürfen das gelb bemalte Papier in unzählige Schnipsel zerreißen und daraus am Fenster mit Kleister eine Sonne kreieren. Aus dem blauen Plakat werden Schnipsel-Wolken, aus dem roten schöne Schnipsel-Mohnblumen.

Elke: „Sieht ganz so als, als käme der Frühling bald.“

Und mit ihm kommt der Abschied von Frederick...

Friedo: „Er war jetzt fast drei Monate bei uns, irgendwann ist Zeit, sich zu verabschieden.“

Und wie wird das vonstatten gehen?

„Mit einem netten kleinen Mäusefest. Wir können den Frederick doch nicht einfach so rausschmeißen. Wir haben ihn gerne hier gehabt. Durch ihn sind die Räume der kleine Gruppe gestaltet worden. Von den Kindern gestaltet. Für sie ist er wirklich hier, der Frederick.“

Elke: „Zumindest beim Mittagsschlaf wird er aber bestimmt noch eine Weile bleiben. Seit einiger Zeit gibt’s bei uns ja dieses Ritual der frei erfundenen Bären-und Eichhörnchen-Einschlaf-Geschichten. Neuerdings fordern die Kinder das ein, dass auch der Frederick in diesen Geschichten auftaucht.“

Erzieherin Julia: „Und nicht nur dort. Er taucht so ziemlich überall auf. Vor ein paar Tagen waren wir wieder oben auf dem Monte Scherpelino. Für die Kinder war völlig klar, was es mit dem Schuttberg auf sich hat und was die Trümmer oben auf dem Gipfel sind. Das ist die Steinmauer, haben sie gesagt. Da wohnt der Frederick!“

*Verlag Beltz & Gelbert, 14,90 Euro